Dr. Eberhard Röhrig als Autor Literaturbericht 2000/2001, 24. Folge. Nach den Neuzugängen des Archivs für Ethik im Tier-, Natur- und Umweltschutz der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe Mensch und Mitgeschöpf unter ethischem Aspekt Gotthard M. Teutsch D-Bayreuth Mitgeschöpflichkeit – Die Mensch-Tier-Beziehung als ethische Herausforderung im biblischen Zeugnis, in der Theologiegeschichte seit der Reformation und in schöpfungstheologischen Aussagen der Gegenwart Der Autor hat mit seiner theologischen Dissertation ein Thema aufgegriffen, das seit der Novellierung des Tierschutzgesetzes von 1996 besondere Aktualität gewon- nen hat, weil der Gesetzgeber in den Grundsatzparagraph 1 die „Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ eingefügt und damit auf die Fra- ge nach der dem Gesetz zugrunde liegenden Ethik eine erste Antwort gegeben hat. Albert Lorz hat das in der 4. Auflage (1992) seines Kommentars bei der Erör- terung der Abwägungsklausel in § 7 Abs.3 (S. 211) so verdeutlicht: „Unser Gesetz sieht – das zeigt die Neufassung des § 1 Satz 1 – die Tierschutzethik als Ethik der Mitgeschöpflichkeit.“ Was das bedeutet, ist der Intuition leicht zugänglich, bedarf aber als Gesetzesbegriff dennoch der Interpretation. Die Juristen lassen dabei den Ethikern gerne den Vortritt, aber diese haben die Chance, daraus ein Konzept zu entwickeln, nicht wahrgenommen; hier wieder Interesse zu wecken, war wohl auch die Intention von Eberhard Röhrig. In diesem Sinne verarbeitet der Autor eine Fülle relevanter Literatur zu einer in dieser Detailliertheit seltenen Gesamtdar- stellung. Verschiedene Exkurse – auch solche über Kirche und Theologie hinaus – wie z.B. außertheologische Ansätze einer Tierethik oder über die Beiträge der Dich- ter (409-457) weiten den Horizont. Austierschützerischer Sicht verdienstvoll ist auch das Eingehen auf tierquälerische Formen der Benutzung von Tieren zu un- seren Zwecken wie Nutztierhaltung, Tiertransporte und Schlachtung (462-464), Tierversuche (464-468), Tierkämpfe, Jagd, Pelztierzucht und Walfang oder auch die Tierhaltung im Zoo (468-475). Dabei wird das Bemühen um eine sachliche Dar- stellung und Bewertung der Sachverhalte deutlich erkennbar. Die Mitgeschöpflichkeit als tierethisches Konzept zu bewerten heißt, die von Röhrig dargestellten biblischen Schriften, die Theologiegeschichte und die gegen- wärtige schöpfungsethische Diskussion daraufhin zu studieren, welche gedankli- chen Elemente sie zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung enthalten. Dabei kommt den biblischen Texten eine besondere Bedeutung zu, insbesondere die Frage, wel- che dieser Texte hier relevant sind und welches Gewicht ihnen im Divergenzfal- le zukommt. Röhrig hat seine Untersuchung in großer Breite angelegt. Aber immer dann, wenn das Bemühen um Vollständigkeit erkennbar wird, fallen etwaige Lücken besonders auf, insbesondere wenn es sich um Aussagen von zentraler, nicht akzidentieller Bedeutung handelt, die das Verhalten gegenüber dem Tier eindeutig betreffen, gleichgültig, ob sie uns das Tier als Mitgeschöpf empfehlen oder als Ausbeutungsobjekt in unsere Hand (Gen 9, 2) geben. Unter diesem Aspekt ist mir aufgefallen: – die nur marginale Behandlung des Herr- schaftsauftrages in Gen 1, 28 (49), – die Nichtbeachtung der Generalnorm in Spr 12, 10 unter gleichzeitigem Verzicht auf eine Zurückweisung der abwertenden Bemerkung von Drewermann (84), – dass die schon unter Ziffer 4.2.1 erwähn- te Tötungsermächtigung in Gen 9, 2-3 (48) nur marginal, die Fellbekleidung der er- sten Menschen (Gen 3, 21) aber relativ ausführlich (48) behandelt wurde. Das von Röhrig erwähnte „Schweigen der Kommentatoren“ ist ein deutliches Zeichen, dass dieser Text äußerst schwierig ist. Das nachfolgende Kapitel „Mensch und Mitgeschöpf in der Theologiegeschichte seit der Reformation“ leitet zur gegenwär- tigen Diskussion über und bringt eine Fülle bisher z.Teil wenig bekannter Konzep- te und Überlegungen ans Tageslicht, die zumeist in Verbindung mit den damit ver- knüpften Personen vorgetragen werden. Neuland wird im Gegenwartskapitel („Schöpfungstheologische Aussagen der Gegenwart“) betreten. Noch niemand hat in dieser Vollständigkeit und Reichweite über die vielen Anstrengungen berichtet, die einzelne Theologen mit ihren Beiträ- gen zur Einbeziehung der Mitgeschöpflichkeit die allgemeine Schöpfungstheo- logie und -ethik unternommen haben. Und wenn erst einmal das Tor in diese Region aufgestoßen ist, werden bald weitere Namen genannt werden, die hier nicht feh- len sollten, wie etwa Andrew Linzey (Animal Rights – A Christian Assessment of Man’s Treatment of Animals, 1976; Christianity and the Rights of Animals, 1987; Animal Theology, 1994), der wegen seiner konsequenten Radikalität nicht über- all geschätzt wird. Ob eine Position als radikal oder gemäßigt empfunden wird, hängt vom Stand- punkt des Beurteilers ab. Wer die Tiere in anthropozentrischer Tradition als verfüg- bare Objekte oder beliebig zu nutzende Mittel für menschliche Zwecke ansieht, wird Röhrigs Konzept sicher für radikal halten, aber wer die Mitgeschöpfe als „Nächste“ angenommen hat, für den geht dieses Konzept bestimmt nicht weit ge- nug. Bezogen auf den durchschnittlichen und mehrheitlich vertretenen Standpunkt der christlichen Moral, kann Röhrigs Position aber durchaus als tierschutzenga- giert gelten; wenn sie von Theologie und Kirche mehrheitlich vertreten würde, wäre es um unseren Tierschutz erheblich besser bestellt. Die radikalste Grundforderung, die aus christlicher Tradition hergeleitet wird, ist die von Albert Schweitzer, die Tiere in die Ethik der Nächstenliebe einzubeziehen, indem er unter Hinweis auf Mt 25, 40,meint: „Also ist unser Nächster nicht nur der Mensch. Unsere Nächsten sind alle Wesen.“ (Ges. Werke V, 165). Eine For- derung, die – so unwahrscheinlich es klingen mag – auch in die ökumenische Er- klärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ von 1989 aufgenommen wurde: „die Wer- ke des lebendigmachenden Geistes“, nämlich „Liebe, Güte, Treue, Sanftmut und Gerechtigkeit“ auch „im Umgang mit allem Lebendigen“ zu „bewähren“. (Zitiert nach dem EKD-Text (Evang. Kirche in Deutschland) 41, S. 43. Die meisten dieser kirchlichen Verlautbarungen werden im Literaturverzeichnis (492) aufgeführt, sind aber bisher kaum diskutiert worden, obwohl sie oft in lan- gen und nicht selten tiefgreifenden Auseinandersetzungen erarbeitet wurden. Im hier zentralen EKD-Text 41 „Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ (1991 und 1992) wurde der Kontroverse zwischen mehrheitlich gemä- ßigt und minderheitlich Radikal bewusst und in der Sache gleichberechtigt Rech- nung getragen, so dass man in besonderer Weise motiviert wird, sich selbst anhand der vorgetragenen Argumente eine eigene Meinung zu bilden. Die eingangs gestellte Frage, ob sich der Gedanke der Mitgeschöpflichkeit zu einem, vielleicht sogar zu dem christlichen Tierethikkonzept entwickeln lässt, ist als Chan- ce durchaus zu bejahen. An Material dazufehlt es nicht, eher an einem einleuchten- den methodisch-systematischen Zugang.
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